Leben trotz Krise

„Das Leben verändert sich, wenn du alles verlierst. Es gab eine Zeit, da war ich glücklich, wenn ich gearbeitet habe und den Haushalt machte. Jetzt, mit 65 Jahren, bin ich plötzlich eine Aktivistin geworden“, sagt Manuela Cortés. Alle Besetzerinnen des „Corrala de Vecinas la Utopía“ genannten Gebäudes sind wegen Hausfriedensbruch vorgeladen.
Die Räumung des Wohnblockes Corrala de Vecinas la Utopía wird im Januar 2014 gerichtlich verfügt. Laut dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) ist es unzulässig, Menschen ohne Ausweg zu räumen. Am 6. April 2014 wurde das Gebäude geräumt. Die Hälfte der Betroffenen hat bislang noch keine Alternative zum Leben auf der Straße gefunden.
Sevilla ist mit Spitzenwerten um die 48°C die heißeste Stadt Spaniens. Nach dem Bezug der „Corrala de Vecinas la Utopía“ im Mai 2012 hat die Stadtverwaltung dem Gebäude das Wasser und den Strom abgestellt, als die Bewohnerinnen dafür bezahlen wollten. 20.000 Euro hat laut Medienberichten die Trennung der Hauptleitung und der Bau eines Brunnens vor dem Gebäude gekostet.
Im Januar 2014 wird die Zwangsräumung der Corrala de Vecinas la Utopía gerichtlich angeordnet. Toñi geht acht Tage in den Hungerstreik, beendet ihn jedoch auf Druck der Nachbarinnen, um im Haus alles für die Räumung vorzubereiten. Wohin es nach der Räumung gehen soll, ist nicht klar. Nur dass die Kinder in Sicherheit gebracht werden und im Anschluss nicht auf der Straße bleiben, ist mit Freunden und Familien organisiert worden.
Sie haben nach ihrer Räumung im Auto gelebt, wurden um ihre letzten Monatslöhne geprellt. Ihre Familien sollen nicht wissen, wie schwer sie es haben. Auf der Suche nach einem Ausweg für sich ist eine Familie an einem Wasserbrunnen auf Bewohner eines besetzten Hauses gestoßen und wurde dort aufgenommen.
Luxus ist, wenn der Strom noch für die E-Mails reicht. Für maximal drei Stunden am Tag hat die Familie von Fran Strom. Für mehr Benzin reicht das Geld nicht, dabei teilen sie sich den Generator schon mit den Nachbarn. In dem Licht werden die Hausaufgaben gemacht, der Kühlschrank heruntergekühlt, damit das Essen nicht so schnell schlecht wird und die Handys geladen.
Wer die Möglichkeit hat, verlässt im Hochsommer Sevilla, um der unerträglichen Hitze zu entkommen. Die Kinder der Corrala de Vecinas la Utopía haben diese Möglichkeit nicht. Erst am späten Abend kann draußen gespielt werden - und im Haus sind fast 40°C.
Zu den Verhandlungen über das Haus in Sevilla erscheint schon lange kein Banker mehr. Die Besetzerinnen des Wohnblockes „Corrala La Utopía“ besetzen regelmäßig den Platz vor der Filiale der Bank Ibercaja. Ihr Wunsch ist eine soziale Miete, mit der sie ihren Familien ein Dach über dem Kopf geben können.
Eine Spezialität der Gewerkschaft SAT sind Protestmärsche über mehrere Tage mit mehreren Tausend Menschen. Das Bundesland Andalusien hat mit ihr eine starke politische Stimme, die besonders die Landbevölkerung, jedoch auch immer mehr die Betroffenen in den Städten vertritt. Weder An- noch Abreise dieser Gewerkschafter gestalten sich dabei leise.
Fünfzig Kilometer vor Córdoba wurde im März 2012 die Farm „Somonte“ von Gewerkschaftern der SAT besetzt. Das öffentliche Land sollte an einen Großbesitzer verkauft werden, was keine Arbeitsplätze generiert hätte. Die Farm bietet mit 400 Hektar Land nun Arbeit und Ernährung für viele Menschen.
Die Landbevölkerung Andalusiens leidet mit einer Arbeitslosenquote von bis zu 47 Prozent besonders unter der Krisensituation Spaniens. Viele Kinder bekommen nur noch in der Schule zu essen. Laut Caritas sind 350.000 Menschen unterernährt. Die Arbeit auf der Farm ernährt jedoch nicht nur, sondern bietet auch eine Perspektive und die Möglichkeit anzupacken.
„Das Besondere ist, dass wir hier in Freiheit leben und arbeiten und nicht mehr als Sklaven“, erklärt Raphael. „Wir sind hier keine Kommune, das Leben auf dem Land ist hart, aber jetzt ist es wieder ein würdiges Leben.“ Es gibt noch keinen Lohn auf der Farm Somonte, aber Arbeit, Essen, eine Perspektive und das Recht auf Mitgestaltung.
Drei Langzeitarbeitslose ohne Aussicht auf Beschäftigung haben am Rand Sevillas begonnen, 700 Quadratmeter Land zu bewirtschaften. „Biogarten“ nennen sie sich und versuchen, durch den Verkauf von Biokisten in der Stadt und auf Märkten, ihre Familien zu ernähren.
Um ihre Solidarität mit den Hungerstreikenden im gesamten Land zu demonstrieren, blockieren Studierende der Fächer Schauspiel und Tanz vergangenen Herbst in Sevilla die Fußgängerzone. Die Hungerstreiks werden für würdige Arbeit, soziale Mieten und für den Rücktritt der Regierung geführt und dauern manchmal Monate.
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Häuser ohne Menschen und Menschen ohne Häuser:
Leben trotz Krise in Andalusien

Im zweiten Stock bleibt Elisabet stehen und setzt die Wasserkanister ab. Die 9-Jährige wartet auf ihren Bruder und atmet schwer. 150 Liter Wasser verbraucht ihre fünfköpfige Familie jede Woche. Sechs Mal laufen die Kinder dafür jedes Wochenende mit blauen Fünf-Liter-Wasserkanistern beladen zum Brunnen an der Straßenecke. Die grauen Stufen bis in den vierten Stock scheinen kein Ende zu nehmen. Javier beißt die Zähne zusammen und überholt sie, er schwitzt. Auf dem nächsten Absatz muss aber auch er seine dünnen Arme entlasten. „Was ist das für eine Welt, in der es Rettungspakete für Banken, aber nicht für notleidende Menschen gibt?“ fragt Manuela Cortés. Mit 35 weiteren Familien hat die 67 Jahre alte Reinigungskraft im Mai 2012 in Sevilla ein Gebäude besetzt, das sie „Corrala de Vecinas la Utopía“ tauften, „Nachbarinnen des Wohnblocks Utopie“.

Unter dem Titel ‘Jenseits der Kastagnetten-Klänge‘ ist dieser Essay über den Widerstand gegen die Auswirkungen der Krise in Andalusien  im Selbstverlag erschienen.
Bei Interesse kann das Buch käuflich erworben werden, indem per Mail oder Telefon eine Bestellung aufgegeben wird. Mehr dazu hier.