Auf der Walz

Die Reisezeit für reisende Gesellen beträgt mindestens drei Jahre und einen Tag. In der Regel kehren zu diesem Stichtag jedoch die wenigsten zurück, sondern erst, wenn der „richtige Moment“ gekommen ist.
Vier Jahre ist er durch die Welt gereist. Seine Reisekameraden begleiten ihn nach der Reisezeit wieder in seine Heimat.
Manuel arbeitet wenn er es will oder das Geld benötigt zum üblichen Tarif bei Firmen oder Privatpersonen.
Vor dem erfurter Dom fuehrt Manuel den so genannten Spinnermarsch an und die Gesellen singen. Mit dieser Tradition wird ein junger Geselle auf die mindestens drei Jahre und einen Tag dauernde Reise gebracht.
Die Arbeitgeber heißen bei den Gesellen „Krauter“ und die Arbeit „Schniegelei“. Einige Krauter sehen gerne die Gesellen bei sich vorsprechen. Manuels Kollege Bernd genießt auch die Abwechslung die Manuels kurzfristige Einstellung mit sich bringt.
Feiern die Gesellen, geht es hoch her und oft finden sich viele ein, denn es ist eine Möglichkeit sich auszutauschen. Auch werden Verabredungen getroffen zum gemeinsamen Reisen oder Arbeiten.
Durch die Arbeit an den unterschiedlichsten Orten findet eine stetige Weiterbildung statt. Andere Baustile, Problematiken, andere Hölzer oder Werkzeuge, ganz abgesehen von anderen Sprachen auf die Manuel sich einstellt.
Manuel hat gelernt die schönen Momente zu genießen. Es braucht nicht viel um sich frei zu fühlen un dein Moment zum Durchatmen ergibt sich häufig.
Den Gesellen wird es nicht langweilig in Gesellschaft. Es gibt viele Spiele für das leichte Reisegepäck, zum beispiel das Klatschen.
Im erfurter Krug, der Gesellen Kneipe, wird ausgiebig gefeiert und sich ausgetauscht. Rico reisst mit seinem Lachen alle mit.
Die Dorfjugend schaut nicht schlecht, als die Gesellen sich auf ihre Teams verteilen und mitspielen.
Die Heimreise ist ein bewegender Moment für den Gesellen und seine Familie. Bei der letzten Rast vor dem Ortsschild findet Manuel einen kurzen Moment der Ruhe für seine Gedanken, bevor die letzen Schritte der Reise beginnen.
Im „Spinnermarsch“ wird Manuel am letzten Tag seiner Reisezeit von 18 Kameraden zu seinem heimatlichen Ortsschild in Tauer begleitet.
Am heimatlichen Ortsschild warten Familie und Freunde. Doch erst gibt es Rituale mit den Gesellen, dann wird die Heimat wieder begrüßt.
Nach dem Feiern der Heimreise mit Familie und Freunden bleiben manche Gesellen noch ein paar Tage zu Gast. Manuel hat dadurch eine kleine Phase der Umgewöhnung, bis das „andere Leben“ mit dem Alltag wieder beginnt.

Manuel Heinze ist im Jahr 2007 im Alter von 20 Jahren als „Rechtschaffener Fremder Zimmerergeselle“ von zu Hause fortgewandert, um mindestens drei Jahre und einen Tag lang auf die Walz zu gehen. In dieser Zeit hat er bei verschiedensten Arbeitgebern gearbeitet, ist zu Fuß und per Anhalter durch Europa, Kanada, Lateinamerika und Neuseeland gereist.

In der „Vereinigung der Rechtschaffenen Fremden Zimmer- und Schieferdeckergesellen Deutschlands“ gehen jährlich ca. dreißig Gesellen auf die Walz. Die wachsende Orientierungslosigkeit bei Jugendlichen und die angesichts der hohen Arbeitslosenzahlen geringe Aussicht auf eine Festanstellung nach der Lehre, macht die alte Tradition des wandernden Handwerksburschen wieder attraktiv.

„Da muss doch noch mehr sein, als mit 20 Jahren Arbeit zu suchen und für immer darin zu malochen“ dachte Manuel nach seiner Ausbildung und hatte Angst, in den üblichen Dorftrott zu verfallen. Weiterentwickeln wollte er sich und noch mehr sehen.

Zu Pfingsten 2011 ging er nach all den Jahren wieder heim. Entsprechend dem alten Brauch wurde er auf den letzten 50 Kilometern von vielen Kameraden begleitet. Am Ortsschild warteten neben seiner ganzen Familie viele Freunde und das halbe Dorf stand an den Gartenzäunen um den Weltenbummler zu begrüßen.

Der Übergang des Heimkehrers von der Walz ist einige Partytage und viele Biere lang, ehe auch die letzten Kameraden wieder abgereist sind. Erst danach bekommt die Familie ihren Sohn zurück.